Maklerwissen

KI im Vertrieb: Wie Makler administrative Arbeit senken

John Braun
veröffentlicht am
16.07.2026
-
min. geschätzte Lesezeit
Teile auf
Inhaltsübersicht

Die Versicherungsbranche steht vor einem grundlegenden Wandel in der Kundenansprache. Während viele Marktteilnehmer Künstliche Intelligenz noch in reinen Testprojekten erproben, verlagert sich die Informationssuche der Kunden bereits. Immer mehr Endkunden nutzen Plattformen der Künstlichen Intelligenz anstelle klassischer Suchmaschinen, um komplexe Absicherungsfragen zu klären.

Für Versicherungsmakler bedeutet das: Die Relevanz im Erstkontakt entscheidet sich künftig an der Schnittstelle zu digitalen Systemen. Wer seine Prozesse und Angebote nicht transparent und maschinenlesbar aufbereitet, droht in dieser digitalen Phase der Informationssuche unsichtbar zu werden.

Der Ist-Zustand: Gefangen in administrativen Aufgaben

Die eigentliche Herausforderung im Makleralltag liegt jedoch tiefer. Schätzungen von Nele Wollert, CSO von muffintech, zeigen, dass Vertriebsmitarbeiter zwischen 60 % und 80 % ihrer Arbeitszeit nicht mit der Beratung verbringen, sondern mit Dokumentation, Datenaufbereitung und Nachbereitung. Ständig neue Gesetzesvorgaben, wachsende Produktportfolios und Dokumentationspflichten verschärfen diesen Verwaltungsstress. Diese Routinearbeiten binden wertvolle Ressourcen, die in der Bestandskundenbetreuung und bei der proaktiven Risikoanalyse fehlen.

Künstliche Intelligenz ist in diesem Szenario kein Ersatz für den menschlichen Berater, sondern das Werkzeug, um den Fokus zurück auf die Wertschöpfung zu lenken. Eine vollständige Verdrängung des Menschen im regulierten Vertrieb ist allein aus Haftungsgründen und wegen des menschlichen Bedürfnisses nach Absicherung unrealistisch. Die Technologie dient als Entlastungsschicht.

Effizienzgewinne und konkrete Anwendungsbeispiele in der Praxis

Dort, wo Mensch und Maschine zusammenarbeiten, zeigen sich bereits erhebliche Effizienzsteigerungen. Durch den gezielten Einsatz von Anwendungen der Künstlichen Intelligenz in standardisierten Prozessen lassen sich Bearbeitungszeiten um 30 % bis 60 % senken. Drei Kernbereiche prägen dabei den modernen Vertrieb:

  • Die digitale Assistenz für die Rundum-Kundensicht: Durch die Verknüpfung verschiedener Quellsysteme (wie Kundendatenbanken) führt die Technologie Datenspuren aus Informationsbriefen, Abschlüssen und Schäden zusammen. Sie filtert relevante Informationen für eine schnelle Gesprächsvorbereitung heraus, schlägt präzise Antworten vor und sucht automatisch die passenden Vertragsdokumente.
  • Intelligente Textdialogsysteme gegen Servicelücken: Im Gegensatz zu starren, regelbasierten Systemen nutzen moderne Textdialogsysteme anpassungsfähige Sprachmodelle. Trainiert mit unternehmenskonformen Produktinformationen und Beratungsansätzen, beantworten sie komplexe Kundenfragen flexibel und personalisiert – auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten.
  • Automatisierter Vergleich der Versicherungsbedingungen: Das Vergleichen seitenlanger Allgemeiner Versicherungsbedingungen bei Tarifaktualisierungen ist zeitaufwändig und fehleranfällig. Spezialisierte Sprachmodelle identifizieren inhaltliche und bedeutungsgemäße Differenzen weit über eine reine Suchfunktion hinaus. Sie erkennen sofort, ob Höchstentschädigungsgrenzen, Selbstbehalte oder Pflichten des Versicherungsnehmers sprachlich modifiziert wurden oder Deckungsinhalte weggefallen sind.

Darüber hinaus fungiert Künstliche Intelligenz als digitaler Ratgeber direkt während der Kundeninteraktion. Indem sie erfolgreiche Gesprächsverläufe analysiert, stellt sie bewährte Argumentationsketten und optimale Zeitpunkte für die Frage nach Weiterempfehlungen bereit. Das hebt das Niveau der gesamten Vertriebsmannschaft auf ein einheitliches, konsistentes Qualitätslevel.

Proaktive Bestandsarbeit statt teurer Neukundengewinnung

Da die Reaktivierung von Bestandskunden im Schnitt siebenmal günstiger ist als die Neukundengewinnung, bietet Künstliche Intelligenz hier einen enormen Hebel zur Vertragsoptimierung. Über interaktive, digital gesteuerte Dialogformulare können Makler aktuelle Kundenbedürfnisse automatisiert per elektronischer Post ermitteln. Die Technologie stellt dabei nicht nur gezielte Fragen, sondern beantwortet Gegenfragen des Kunden direkt mit den bereits vorliegenden Bestandsdaten. Dieses spielerische Format weckt Neugier, erzielt hohe Rücklaufquoten und deckt Zusatzverkaufspotenziale mit minimalem Aufwand auf.

Praxis-Tipps: Wie Makler Künstliche Intelligenz erfolgreich einführen

Für Versicherungsmakler kommt es jetzt darauf an, die Entwicklungen nicht passiv abzuwarten, sondern die Technologie aktiv in den eigenen Betrieb zu integrieren.

  • Vom konkreten Schmerzpunkt starten: Suchen Sie nicht nach der einen, allumfassenden Strategie. Nutzen Sie strukturierte Vorgehensmodelle, um Anwendungsfälle vom geschäftlichen Verständnis über die Datenaufbereitung bis hin zum produktiven Einsatz systematisch zu prüfen. Beginnen Sie mit klaren Schmerzpunkten wie dem Bedingungsvergleich oder der automatisierten Posteingangsklassifizierung.
  • Dienstleister und Partner in die Pflicht nehmen: Sie müssen die technologische Infrastruktur nicht selbst entwickeln. Nutzen Sie Ihre Marktposition. Fordern Sie von Ihren Zusammenschlüssen, Versicherern und Software-Dienstleistern datenschutzkonforme Werkzeuge ein, die sich nahtlos in Ihre bestehende Systemlandschaft integrieren lassen.
  • Datenschutz und Systemsteuerung als Fundament begreifen: Der sensible Umgang mit Kundendaten hat oberste Priorität. Setzen Sie ausschließlich auf zentral bereitgestellte, datenschutzkonforme Lösungen mit klarer Anonymisierung und Verschlüsselung. Verhindern Sie, dass Mitarbeiter aus Zeitdruck unkontrollierte, öffentliche Werkzeuge mit sensiblen Kundendaten füttern.
  • Datenqualität proaktiv pflegen: Diese Systeme sind auf strukturierte, aktuelle und vielseitige Datensätze angewiesen, um präzise Empfehlungen auszusprechen. Nutzen Sie die durch Automatisierung frei werdenden Kapazitäten, um Ihre Bestandsdaten in der Kundendatenbank sauber zu strukturieren und zu pflegen.

Der Blogartikel wurde verfasst von